Hildegard Willer

Journalistin

Rituale in den Anden verbinden Mensch, Gott und Natur

Rituale in den Anden verbinden Mensch, Gott und Natur

und fördern das Geschäft. Immer dabei: das Kokablatt.

Auf über 4000 Meter zählt jeder Schritt bergaufwärts doppelt, das Herz des ungeübten Flachlandbewohners rast, die Lunge japst und will so viel mehr Sauerstoff einsaugen, als die dünne Höhenluft hergibt.  Nur der einheimische Führer  läuft wie ein Wiesel voran.  Auf dem Atojja, dem heiligen Berg auf der peruanischen Seite des Titicaca-Sees angekommen, nimmt er eine Tüte mit Koka-Blättern, hält vier Stück davon  in die Höhe, spricht ein paar Worte in Aymara und legt die vier Kokablätter danach auf eine Feuerstelle aus Stein. Zuvor schüttet er etwas süssen Rotwein auf die Erde, –  zu Ehren der Mutter Erde – bevor er selber daraus trinkt. Jedes Kokablatt steht für ein Anliegen, einen Wunsch. Dann holt er ein Arrangement mit Figuren aus Zuckergebäck und nachgemach

ten Geldscheinen aus dem Rucksack und verbrennt sie.  Während sich der Nebel im Morgengrauen lichtet und die Sonne über dem Titicaca-See aufgeht, nehmen  die Berggeister und die Mutter Erde den pago a la tierra auf,   die Bitte und den Dank an die Mutter Erde.

Wenn ein Andenbewohner auf seinen Hausberg steigt, dann fast immer aus diesem Grund: er will dem Göttlichen näher sein,  der Mutter Erde ein Opfer oder einen Dank bringen für gutes Gelingen.  Jeder Ort hat seinen heiligen Berg,  jeder Ort seinen Schamanen, seinen Yatiri. Auch heute noch sind diese Rituale im Leben der Andenbewohner fest verankert. 500 Jahre gewaltsamer Eroberung und christlicher Mission konnten ihnen nichts anhaben.  Oft sind sie eine Symbiose eingegangen mit der christlichen Lehre.

So wie im Leben des Calixto Quispe.

„Ich habe schon als kleiner Junge mit meinem Grossvater die Dörfer bereist. Und da er gerne etwas über den Durst getrunken hat, durfte ich dann die Rituale durchführen“, erzählt Calixto Quispe in der Küche des theologischen  ökumenischen Institutes ISEAT in La Paz.  Calixto Quispe ist wie sein Grossvater Yatiri, ein Schaman, geworden. Yatiri wird man nicht in der Schule oder einer Uni, es wird einem von einem Lehrmeister, oft innerhalb der Familie, beigebracht und weitergegeben.

Calixtos Vater war weniger einverstanden damit, dass sein Sohn in die Fussstapfen seines eigenen Vaters treten sollte.  Calixtos Vater gehörte der methodistischen Kirche an. „Die meisten evangelischen Kirchen  sehen bis heute die andinen Gebräuche und Riten als etwas Dämonisches, das dem christlichen Glauben entgegensteht“, meint Quispe. Auch er selber vergass das von seinem Grossvater Gelernte wieder.  Die christliche Lehre zog ihn mehr an, und beides zusammen, das war in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts noch nicht denkbar.  Mit 14 Jahren trat Calixto Quispe in das kleine Priesterseminar der Katholischen Kriche ein.  Er studierte  Theologie und wollte katholischer Priester werden.  Bis er Encarnación traf.

Heute ist Calixto Quispe 67 Jahre alt, ein breites Lächeln auf dem sonnengebräunten Gesicht. Den Hut setzt er nicht ab. Begleitet wird er von seiner Frau Encarnación, die die traditionellen Röcke der Aymara-Indigenas, die polleras, trägt.  Die beiden  haben zusammen sechs Kinder und mehrere Enkelkinder. Calixto Quispe legt ein bunt gewebtes Tuch in der Grösse eines Taschentuchs auf den Tisch, den sog. Tari,  und schüttelt Koka-Blätter darauf.  Ohne das grüne, halbfingergrosse ovale Blatt findet kein Ritual in den Anden statt. „Die Koka  verbindet die Menschen mit der Natur und mit dem Göttlichen“, sagt Calixto und nimmt ein paar Blätter in den Mund, zusammen mit der Lejía, der Asche verbrannter Quinoa-Samen.  „Die Lejía kompensiert den schädlichen Anteil der Koka, deswegen haben uns die Väter immer geraten, Koka nur mit Lejia zusammen zu essen“. Die Koka-Blätter werden im Mund so lange gekaut, bis sich das Alkaloid löst. Pijchar nennt sich dieser Brauch. Die Koka mit ihrem aufputschenden Alkaloid hilft den Menschen in den Anden, auf 4000 Meter Höhe und unter harten klimatischen Bedingungen harte Arbeit zu verrichten.  Heute schwören sogar Studentinnen auf die Koka-Blätter, wenn sie nächtelang auf ihr Examen büffeln. Eine Art andines Ritalin.

Viel wichtiger aber ist der sakrale Gebraucht der Koka-Pflanze.  Die Koka gilt als die Pflanze der Gemeinschaft, auch die Pflanze der Versöhnung. Haben in Nordamerika die Indianer die Friedenspfeife geraucht, so ist es in den Anden Brauch, in der Gruppe den Tari mit den Kokablättern herumzureichen und gemeinsam Koka zu kauen. „Das Kokablatt gibt uns Energie, gute Energie“, bekräftigt Encarnación Quispe.

Calixto und Encarnación Quispe sind seit ihrer Heirat in der katholischen Kirche und in ökumenischen Kreisen engagiert. Nach und nach entdeckten sie ihre eigene andine Spiritualität wieder und erinnerten sich an die Lehren des Yatiri-Grossvaters.

1992 jährte sich zum 500. Mal die gewaltsame Eroberung Amerikas durch die Spanier. Besonders in den Ländern mit einem hohen indigenen Bevölkerungsanteil – also Peru, Bolivien und Ecuador – wurde 1992 zum Wendepunkt für ein neues indigenes Selbstbewusstsein, zum Symbol des Widerstandes gegen die aus Europa eingeführte Kultur. Auch für Calixto Quispe war 1992 ein ganz besonderes Jahr.  „ Ich zelebrierte  im Aymara-Heiligtum von Tihuanaco und wurde von der Gemeinschaft zum Yatiri ernannt“, erinnert sich Calixto Quispe.  Er musste deswegen seinem christlichen Glauben nicht abschwören. Vor allem in ökumenischen und befreiungstheologischen Zirkeln konnte er seine andinen spirituellen Wurzeln immer mehr einbringen. Sogar die katholische Kirche schätzte dies: im Jahr 2002 weihte ihn der Ortsbischof von El Alto zum ständigen Diakon, einer Vorstufe des katholischen Priestertums. „Bei meiner Weihe waren katholische, methodistische, lutheranische Priester und Pastoren vertreten und wir verwendeten Koka-Blätter in der Liturgie“, erinnert sich Calixto Quispe.

Andine Rituale sind auch für Vicenta Mamani fester Teil ihres Glaubens und Lehrens. Die 52-jährige ist Methodistin, Theologin und Rektorin des Ökumenischen Institutes ISEAT in La Paz. Wie Encarnación Quispe trägt auch sie die traditionelle Pollera und den Bowlerhut, das sog. Cholita-Kostüm. „Unsere alten Missionare sagten noch, dass die Coca und unsere Riten heidnisch wären und wir damit aufhören müssten“, erinnert sich Vicenta Mamani. In vielen evangelischen Kirchen wird heute noch an der Dichotomie von andinen Riten und Christentum festgehalten. Beides gehe nicht zusammen. Auch im Gottesdienst ihrer methodistischen Kirche verwendet Vicenta Mamani keine Kokablätter. Sie tut das aber sehr wohl, wenn sie im ISEAT oder in ökumenischen Gruppen arbeitet.  Bei jeder Sitzung holt Vicenta Mamani ihre Tüte mit Kokablättern heraus und reicht sie herum. Vor einem Kongress oder einem Workshop ruft sie Gott und die Mutter Erde an, verteilt Kokablätter, um die Gruppe und die Natur miteinander zu versöhnen.  „Die Koka lädt uns zur Versöhnung ein, zum  friedlichen Zusammenleben“, ist die Theologin überzeugt.

Dass Koka woanders als schädliche Droge gilt,  verstehen weder Vicenta Mamani noch Calixto und Encarnación Quispe . Im Gegenteil. „ Dank der Koka sind wir immer noch am Leben“, ist Vicenta Mamani überzeugt.  „Ich lebe meinen christlichen Glauben und meinen Aymara-Glauben, ich kann gar nicht zwischen den beiden trennen“.

Die Koka ist auch dabei, wenn Calixto Quispe gerufen wird, um einen Kranken zu heilen. Wenn ein Mensch krank ist, dann heisst dies, dass er innerhalb des Kosmos ins Ungleichgewicht gekommen ist: das kann  durch einen Schreck, durch ein böses Erlebnis oder eigene Taten geschehen. Der Yatiri, der Schaman, hilft nun, das alte Gleichgewicht wieder herzustellen, wie Calixto Quispe erklärt: „Zuerst reinigen wir uns, indem wir Koka kauen,  und zwar auf der linken Seite, das ist die Seite, wo die bösen Geister hinausgehen. Danach kommt ein Heilungsritus: das kann eine Massage, ein Handauflegen sein. Auch eine bestimmte Pflanzentinktur oder Aufguss. Danach kommt die Wiederherstellung des Gleichgewichts, wir kauen Coca, aber auf der rechten Seite. Und zum Schluss feiern wir die neue Harmonie des Patienten, der Familie, mit der Umwelt“.

Auch in der andinen Gesellschaft ist vieles aus dem Gleichgewicht geraten. Der Kommerz, der Kapitalismus sei daran schuld, meint Calixto Quispe.  In der Grosstadt von La Paz oder in El Alto  – ein ehemaliges Armenviertel auf 4000 Metern Höhe vor den Toren La Paz und heute eine chaotisch pulsierende Millionenstadt – wohnen die Migranten vom Land.  Sie sind zwar noch mit ihren Aymara-Traditionen aufgewachsen, haben sie aber im hektischen Leben der Grossstadt verloren, sind den Verlockungen des Kommerz erlegen. „Sie haben die andine Spiritualität verloren, sind aber auch nicht christlich verwurzelt“, meint Calixto Quispe.

Dabei sind die Rituale nicht einfach im Grosstadtsog  verschwunden. Einige haben sich dem Kommerz angepasst,  und sind heute populärer denn je.

Wenn in  den Städten rund um den Titicaca-See die jährlichen Alasitas-Märkte stattfinden, dann birst die Stadt von Besuchern. Auf den ersten Blick meint man in einem Spielzeugmarkt für Erwachsene gelandet zu sein: Stände voller Figuren, wie sie Kinder zum Spielen verwenden: Häuschen, Spielzeugautos, Spielgeld-Scheine. Die Menschen kaufen Miniaturen der Dinge, die sie sich in gross wünschen: ein neues prächtiges Haus, ein dickes Auto, einen Koffer voller Geld, den ersehnten Universitätsabschluss. Die gekaufte Miniatur wird dann zuerst vom Yatiri gesegnet, dann geht es in die katholische Kapelle – doppelt genäht hält besser – und danach wird der Kauf mit viel Bier begossen.  Alasitas-Märkte boomen nicht nur rund um den Titicaca-See, wo sie  seit jeher stattfinden. Die sog. „Märkte der Wünsche“ sind auch in der peruanischen Hauptstadt Lima an der Pazifikküste immer beliebter. Die für ihre Geschäftstüchtigkeit bekannten Aymara-Migranten haben ihre Traditionen mitgebracht.

Die Alasitas-Tradition stammt wie alle Rituale der Anden aus der agrarischen Gesellschaft. Am Alasitas-Tag formten die Andenbewohner früher aus Ton und Lehm ein Häuschen,  eine Kuh, ein Schaf, und hofften damit auf eine segensreiche Ernte.  Die Tatsache, dass sich die Alasitas-Tradition so hartnäckig hält, verleitet einige Ethnologen dazu, eine Art Aymara-Liberalismus auszurufen. Damit würde  sich auch der geschäftlichen Erfolg vieler Aymara erklären, der in El Alto oder im peruanischen Puno offensichtlich ist: boomende Märkte, neue mehrstöckige Prachthäuser, zunehmende Autos auf den Stassen.  Das was Max Weber für den westlichen Kapitalismus sei, das sei die Alasitas-Tradition für die Aymara-Variante des andinen Kapitalismus.

Andine Rituale sind in Bolivien mögen geschäftsfördernd sein; vor allem  sind sie politik- und gesellschaftsfähig geworden.  Seit 10 Jahren regiert in Bolivien Evo Morales, ein Präsident mit indigenen Wurzeln, der seinen Weg des andinen Sozialismus mit den ursprünglichen Ritualen unterfüttert. Seine Amtseinführung feierte er mit einer andinen Liturgie im Heiligtum von Tihuanuaco.  Indigene Schamanen, die Yatiris,  werden inzwischen vom Staat gefördert,  andine Werte und Kosmovision an den Schulen unterrichtet – gleichberechtigt zum christlichen Religionsunterricht.

Auch Calixto Quispe durfte schon bei staatlichen Zeremonien mit anderen Yatiris zusammen zelebrieren.  Die seien jedoch sehr fundamentalistisch und anti-kirchlich ausgerichtet. Der christliche Glaube und die Kirchen seien für sie nur Instrumente der kulturellen Unterwerfung. „Die anderen Yatiris machten mir Vorwürfe, was ich denn mit der Kirche wolle“.  Und seine katholischen Kollegen in der Diözese wiederum ziehen ihn auf, fragen ihn, was er denn nun eigentlich sei, ein Brujo – ein heidnischer Schaman, oder ein katholischer Diakon.

Calixto Quispe lässt sich von solchen Fragen nicht ins Bockshorn jagen. „Unsere Aymara-Tradition und die Riten, die ich zelebriere, dienen dem Guten und respektieren den Schöpfer-Gott“. Spricht´s  und nimmt in aller Ruhe ein weiteres Kokablatt in den Mund.

(veröffentlicht in:   1/2017 | www.missionspresse.org)

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